Steckbrief:
Name: Lothar Kurbjuweit
Geburtsdatum: 06.11.1950
Geburtsort: Riesa
Beruf: Betriebsschlosser mit Abitur, Diplomsportlehrer, Trainer, Unternehmer
Spieler:
Vereine als Spieler: Traktor Seerhausen (1959-65), BSG Stahl Riesa (1965-70), FC Carl Zeiss Jena (1970-83), Hallescher FC Chemie (1983-84)
Spiele bei Stahl: 1965-1970, 35 Oberligaspiele, 1x A-Nationalmannschaft (Polen-DDR 1:1 )
Spiele bei Carl Zeiss Jena: 299 Oberligaspiele, 54 Pokalspiele, 55 Europapokalspiele
Spiele beim HFC Chemie: 23 Oberligaspiele
Nationalmannschaft: 66 Spiele, 11 Spiele Nachwuchsauswahl
Erfolge als Spieler: 1972, 1974 und 1980 DDR-Fußballpokalsieger, 1972 die Bronzemedaille Olympia,1974 WM-Teilnehmer, 1976 die Goldmedaille Olympia, Europa-Pokal-Finalist “Cup der Pokalsieger” 1981
Trainer und andere Funktionen:
1984-89 FC Carl Zeiss Jena Trainer
1990-91 FC Rot-Weiß Erfurt Trainer
1996-1999 FC Carl Zeiss Jena Präsident
2003-05 VfB Pößneck Trainer
2005-10 1.FC Nürnberg Chef-Scout
2010-11 FC Carl Zeiss Jena Sportdirektor
seit 2011 FC Carl Zeiss Jena Trainer 2.Mannschaft
Stahl-Riesa.com: Hallo Herr Kurbjuweit. Ich freue mich heut besonders mit Ihnen ein Interview führen zu dürfen. Sie sind ja eigentlich das Talent des Riesaer Fußballs der letzten 50 Jahre. Wie kamen Sie eigentlich zum Fußball? Damals noch in Seerhausen?
L.K.: Mit dieser Formulierung wäre ich sehr vorsichtig. Es gab in Riesa talentiertere Spieler als mich. Ich hatte einfach ein wenig mehr Glück. Aufgewachsen bin ich in Seerhausen und habe das elterliche Haus erst mit meinem Wechsel nach Jena 1970 verlassen. So viele Möglichkeiten in der Freizeit hatten wir ja damals nicht. Zumindest hatte Seerhausen einen Sportplatz. Da haben wir uns halt immer getroffen. Meist ohne fachliche Anleitung haben wir stundenlang an eine ballähnliche Kugel getreten. Eine erbliche Vorbelastung allerdings konnte ich bis heute nicht erkunden. Hinzu kam mit Heinz Ebermann ein sehr engagierter Übungsleiter, der es schaffte, jedes Wochenende eine Mannschaft zu organisieren.
Stahl-Riesa.com: Verfolgen Sie den Riesaer Fußball eigentlich noch? Haben Sie noch Verwandtschaft oder Freunde vor Ort, die Ihnen manchmal berichten?
L.K.: Natürlich interessiere ich mich nach wie vor für den Fußball in Riesa. Im Oktober letztes Jahr war ich erstmals auch beim Traditionstreffen der Stahlwerkself in Wülknitz. Eine wunderbare Veranstaltung mit großartigen Erinnerungen. Regelmäßig trifft sich die “Junge Welt”-Pokalsiegermannschaft mit Wolfgang Müller und Mannschaftsleiter Siegfried Engel. Dadurch bin ich auch immer auf dem aktuellen Stand in Sachen Fußball in Riesa.
Außerdem wohnt und lebt meine Mutter nach wie vor in Seerhausen und ist inzwischen 87 Jahre alt. Sie besuche ich natürlich bei jeder denkbaren Gelegenheit.
Stahl-Riesa.com: Was war Ihr erstes Spiel im Ernst-Grube-Stadion?
L.K.: Mein erstes Oberliga-Punktspiel war im August 1968 ausgerechnet gegen Jena. Wir verloren allerdings 1:2 gegen den damaligen DDR-Meister. Ein proppevolles Stadion, eine tolle Atmosphäre und wir spielen gegen eine Mannschaft mit vielen Nationalspielern. So etwas bleibt in Erinnerung.
Stahl-Riesa.com: Was war Ihr schönstes Spiel für Riesa. Können Sie sich da an ein Spiel erinnern?
L.K.: Kann ich nicht. Aber ich hatte einige wenige Einsätze im Aufstiegsjahr 1968 und danach 2 Jahre Oberliga mit Stahl. Da war für mich jedes Spiel und jeder Einsatz ein bleibendes Erlebnis.
Stahl-Riesa.com: Sie waren bei dem legendären Spiel zur WM 1974 in Hamburg mit auf dem Platz. Jürgen Sparwasser schoss das 1:0 gegen die Bundesrepublik Deutschland. Wie war das? Ein historischer Moment den man nie vergisst? Letztendlich hat die BRD dann ja den Pokal geholt. Man hatte den späteren Weltmeister, Klassenfeind und Erzrivalen geschlagen.
L.K.: Georg Buschner sagte unmittelbar nach dem Spiel:”Jungs, ihr habt heute Fußball-Geschichte geschrieben”. Mal ehrlich, diese Tragweite war uns zu diesem Zeitpunkt nicht bewußt. Buschner hat uns nie politisch motiviert, nur sportlich. Der große Druck lag ja beim Gastgeber, die Erwartungshaltung war riesig. Wir waren sportlich ja schon für die Zwischenrunde qualifiziert und hatten nichts zu verlieren. Und diese Außenseiter-Rolle haben wir mit viel Leidenschaft gespielt. Allerdings haben wir dann in der Zwischenrunde mit Brasilien, Argentinien und Holland die wohl schwerere Gruppe erwischt. Aber soweit haben wir in dem Moment nicht gedacht.
Stahl-Riesa.com: Was hat sich außerdem bei diesen Endrunden eingeprägt? Gab es da ein paar schöne Geschichten?
L.K.: Leider eher wenig. Olympia 72 und WM 74 waren Veranstaltungen mit sehr viel Sicherheits-Denken. Da bist du weitestgehend von der Öffentlichkeit abgeschottet. Die schönste Veranstaltung war da Olympia 76 in Montreal. Die meisten Kanadier wussten doch gar nicht, dass Deutschland geteilt war. Hier konnten wir uns frei bewegen, waren keine „Kommunistenschweine“. Übrigens wollte uns Manfred Ewald nach dem ersten Gruppenspiel nach Hause schicken. Wir spielten 0:0 gegen Brasilien und das konnte unser erster Sport-Funktionär gar nicht verstehen. Schön das wir bleiben durften.
Stahl-Riesa.com: Sie gewannen auch zwei Medaillen bei der Olympiade. Einmal Gold und einmal Bronze. Was ist das für ein Gefühl, wenn man oben auf dem „Treppchen“ steht?
L.K.: Ich verhehle nicht, dass es schon auch unter die Haut geht. Ein sehr emotionales Erlebnis. Der sportliche Erfolg, die Hymne, der Stolz, etwas sportlich Großes erreicht zu haben. Du vergisst die harte Trainingsarbeit, denkst an die Familie zu Hause und freust dich einfach über den Augenblick.
Stahl-Riesa.com: Sie haben mit Abstand den längsten Steckbrief meiner ganzen Interviewpartner bisher. Die Erfolge sprechen Bände. Doch was war der schönste von den allen?
L.K.: Den gibt es nicht. Es waren sehr viele Erfolge. Mit dem Abstand von 30 Jahren und mehr ist und bleibt wohl das WM-Spiel 74 gegen den späteren Weltmeister am Nachhaltigsten in der Erinnerung der Menschen. Franz Beckenbauer lässt übrigens keine Gelegenheit aus ,sich für die Niederlage zu bedanken. Die andere, nämlich unsere Zwischenrundengruppe, hätten sie wohl auch nicht überstanden.
Stahl-Riesa.com: Auch Ihre Frau Birgit ist ehemalige Leistungssportlerin. Ihr Sohn, Tobias Kurbjuweit, ist auch Profifußballer. Ist es manchmal schwierig für Ihn, in die erfolgreichen Fußstapfen seines Vaters zu treten, oder ist die von Vorteil? Sie können ja in einer beratenden Funktion zur Seite stehen?
L.K.: Es ist eher schwierig. Die Erwartungshaltung, dass immer am Vater gemessen werden. Er hat es sich aber selber so ausgesucht.
Stahl-Riesa.com: Wie sieht die derzeitige Situation in Jena aus? Man hörte auch von finanziellen Problemen an den Kernbergen?
L.K.: Abstiegssorgen in der 3.Liga. Eine Horrorvorstellung. Kein Geld, keine Klasse. Keine Klasse, kein Geld.
Stahl-Riesa.com: In Ihrer Amtszeit als Präsident vor 15 Jahren wurde der Tribünenneubau im Ernst-Abbe-Sportfeld entscheidend voran gebracht. Wollte Jena nicht eigentlich auch ein neues Stadion? Wie ist da eigentlich der Stand? Es ist ruhig geworden.
L.K.: Eine Multifunktions-Arena ist im Gespräch. Die Realisierung wäre ein Bekenntnis der Politik zum Fußball in Jena und eine Grundvoraussetzung für die Zukunft.
Stahl-Riesa.com: Nach der Wende ist der ostdeutsche Fußball in der Bedeutungslosigkeit versunken. Einzelne Leuchttürme wie RB Leipzig, Erzgebirge Aue, Dynamo Dresden oder auch die Dritt- und Regionalligisten widersetzen sich dieser Entwicklung, welche schon 2 Jahrzehnte anhält. Was muss der Ostfußball tun, um erfolgreicher zu werden?
L.K.: Alle sind dem großen Geld nachgelaufen, was sollten sie auch tun. Einige haben sich mit Glück und Geschick etabliert. RB hat da sicher eine Ausnahmestellung. Deren Erfolg kann keiner verhindern. Nur sie selbst. Ich ziehe aber den Hut vor Cottbus, Rostock, Aue, Dresden und Union Berlin. Einigermaßen finanzieren lässt sich der Fußball nur in der 1. und 2.Bundesliga durch die erheblichen Fernsehgelder. Selbst eine sehr gute Nachwuchsarbeit hilft dir wenig. Die Talente gehen dir schon frühzeitig verloren, wenn du ihnen keine sportliche und finanzielle Zukunft verkaufen kannst.
Stahl-Riesa.com: Es hat sich ja viel geändert in den letzten Jahren. Vor Jahren spielte Stahl noch gegen den FC Carl Zeiss Jena in der Oberliga zum Beispiel. Wie empfanden Sie den finanziellen Exodus der Riesaer im Jahr 2003? Sie erwischte es ja auch einige Zeit später in Pößneck, mit den Zahlungsschwierigkeiten eines Vereines.
L.K.: Das ist wie mit dem Huhn und dem Ei. Wer oder was war eher da. Kein sportlicher Erfolg, kein Geld. Kein Geld, kein sportlicher Erfolg. Die Einzelheiten kenne ich aber nicht. Vereine mit Zahlungsschwierigkeiten gibt es wie Sand am Meer.
Stahl-Riesa.com: Was würden Sie sich, als ehemaliger Riesaer, für den Fußball in der Elbestadt wünschen?
L.K.: Fußball ist leider kein Wunschkonzert. Aber eine gemeinsame Strategie oder ein bündeln der ohnehin begrenzten Möglichkeiten sollten doch möglich sein.
Stahl-Riesa.com: Was Vielen Dank für dieses Interview. Das Internetmagazin Stahl-Riesa.com wünscht Ihnen alles erdenklich Gute.
L.K.: Ich bedanke mich ebenfalls und wünsche beste Gesundheit , Glück ,gute Nerven und Ausdauer allen Stahlfans und Lesern von Stahl-Riesa.com.

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Das ist ja echt mal ein Interview. Eine alte Größe wie Kurbjuweit. Er ist wirkl. unvergessen. Manchmal habe ich das Gefühl, hier passiert mehr für die Traditionspflege als im “Traditions”-sportverein Stahl Riesa selbst. Ist zwar nur ein Artikel, aber immer noch mehr. Neeja, aber scheenes Interview absolut.
@STAHLFAN
Da gibt es nichts dazu zufügen!!